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Das neue Welpenhaus

Reisetelegramm Aufbauaktion April 2005

Achim Höpner Reisebericht 11.05

...meine erste Reise nach Székesfehérvár - Ungarn



Meine Frau Claudia und ich sind schon seit vielen Jahren mehr oder weniger im Tierschutz aktiv. Durch eigene Hunde und eigene Kinder ist die Zeit. die wir dem Tierschutz widmen können, natürlich begrenzt. Im Laufe der Jahre richtete sich unser Blick immer mehr auf den Auslandstierschutz; jedoch zunächst nur in finanzieller Hinsicht. Wir wollten aber immer gerne auch aktiv im Ausland Tierschutz betreiben. Im Ausland deswegen, weil leider viele Menschen in vielen Ländern in Armut leben und das Lebewesen „Tier`'. um es vorsichtig auszudrücken. dort einfach ..zu kurz” kommt.

Vor ca. drei Jahren lernten wir auf einer Infoveranstaltung Barbara und Wolfgang Stephanow kennen. Wir waren sofort von deren Tierschutzarbeit in Ungarn positiv beeindruckt bzw. von den Zuständen in Ungarn negativ beeindruckt. Im Laufe der Zeit wurden die Kontakte zur Interessengemeinschaft Grenzenlos enger, und es entwickelte sich bei mir der Wunsch, einmal mit nach Ungarn zu fahren...

...meine erste Fahrt nach Ungarn fand dann im November 2005 statt.
Wolfgang, Andy, Andreas und ich waren die „Reiseteilnehmer”. Ein Lieferwagen, ein Kombi, zwei Anhänger, alles voll gepackt mit Futter, medizinischen Gerätschaften usw., waren unsere „Begleiter”.

1.Tag, Dienstag: Dienstagnacht um 02.00 Uhr war Abfahrt und wir sind dann ohne erwähnenswerte Vorkommnisse am gleichen Tag abends um 19.00 Uhr in Szekesfehervär angekommen. Begrüßung durch Gyöngyi (Tierheimleiterin), den Anhänger haben wir noch auf dem Tierheimgelände abgestellt und ab ins Hotel. Am Abend im Hotel wurde dann besprochen, was am nächsten - Tag zu tun sei.

2.Tag, Mittwoch: Es ist 08.00 Uhr morgens und es ist eisig kalt. In der Nacht hat es noch geschneit und ich sehe das Tierheim zum ersten Mal bei Tageslicht. Durch die Fotos und Filme, die mir vorher schon gezeigt wurden, kenne ich das Tierheim. Fotos angucken, Berichte zu hören und nun selber alles zu erleben. ist ein großer Unterschied. Eine gewisse Traurigkeit überkommt mich, wenn ich all die Hunde und Katzen sehe und höre.

Es bleibt aber keine Zeit, mich näher mit den Hunden zu befassen. da die Autos und Anhänger ausgeladen werden. Die medizinischen Geräte und Schränke müssen in den Containern aufgebaut werden und und und ..

Ich frage. wo kommt das Futter hin, Andy zeigt mir den Futterraum

Leer!

Ich frage. wann ist das Futter zu Ende gegangen...Schulterzucken...die letzten Tage wurden wohl Brotreste aus der nahe gelegenen Brotfabrik verfüttert.



Dann kommt mein erster Rundgang durch das Tierheim. die Quarantäne, Welpencontainer. die Ausläufe und die Zwingeranlagen. Überall Hunde mit freundlichen, teils traurigen Augen. Viele sind ausgemergelt, hungrig oder krank. Aber egal ob groß oder klein, sie gucken dich alle an, am liebsten möchte ich alle in meine Arme nehmen, einpacken und mitnehmen....
Schon überkommt mich eine große Traurigkeit, ich muss schlucken, mein Blick wird irgendwie wässrig, also Schluss mit Sentimentalitäten und ran an die Arbeit.

..geschuftet bis abends, Möbel undmedizinische Gerätschaften für die ärztliche Station aufgebaut usw. Gegen 20.00 Uhr hören wir auf. Die Arbeit hat gut geklappt. Ich mache noch einen kleinen Rundgang. Eisige Kälte herrscht, ich denke: den ein oder anderen Hund werde ich vielleicht morgen nicht mehr sehen. Jetzt kommt wieder diese große Traurigkeit ....

Ich bin schließlich alleine in meinem Hotelzimmer und kann endlich....heulen. Erst nachdem ich mit Claudia telefoniert habe geht es wieder besser und irgendwie freue ich mich schon auf den nächsten Tag...


3. Tag, Donnerstag: Wieder liegt viel Arbeit vor uns. Die Arbeit in den Containern der ärztlichen Station klappt sehr gut. Zwischendurch bringen wir an jedem Zwinger einen Windschutz an. In den Zwingern sitzen Schäferhunde, ein Am Staff und weitere „Riesen”. Zum Befestigen des Windschutzes muss immer einer von uns in den jeweiligen Zwinger gehen. Wir lieben
natürlich Hunde, aber „Respekt” ist schon vorhanden. Besonders wenn man so als Fremder in einen mit einem "Riesen" besetzten Hundezwinger geht (natürlich mit „Leckerchen' bewaffinet) aber das einzige, was passiert ist, dass jeder, aber auch wirklich jeder „Riese” sich über den Besuch von uns freut, und wir werden erst einmal überschwänglich abgeschleckt ...

Ich stehe zufällig in einer Ecke des Tierheimes und sehe, wie ein offener Pritschenwagen an zwei Metallfässern, die etwas abseits vom Tierheim stehen, anhält. Der Mann, der aussteigt, ist der städtische Hundefänger. Ich habe ihn am Vortag kennengelernt. Er geht zu den Fässern und kippt sie um. Dann holt er den ersten toten Hund aus einer Tonne und wirft ihn mit Schwung auf den Pritschenwagen....ich zähle insgesamt 23 tote Hunde und zwei tote Katzen. Es tut richtig weh zuzuschauen ...

Von jetzt an achte ich auf die Tonnen. Liegen sie, sind sie leer, stehen sie aufrecht ...

Später kommt der Hundefänger noch einmal mit seinem offenen Pritschenwagen vorbei. Er hält am Tor an und ich gehe hin. Auf der Ladefläche liegen zwei Hunde, ganz kurz angebunden. Der Hundefänger schnappt sich den ersten, er wird mehr oder weniger von der Pritsche heruntergeworfen und vor lauter Angst macht er „alles” unter sich. Eine Pflegerin bringt den Hund in die Quarantäne in einen Zwinger, ich begleite sie und bleibe noch etwas bei ihm. Einem Labradormischling....

In den Ausläufen kommt es regelmäßig zwischen den Hunden zu Beißvorfällen, nicht alle gehen glimpflich aus, so sagt man mir. Hier geht es ums Überleben — der Stärkere siegt und der Schwächere verliert.

4. Tag, Freitag: Ich fahre mit Wolfgang nach Baja zur Tötungsanstalt. Auf dem Weg dorthin nehmen wir noch eine ungarische Tierärztin mit. In Baja bzw. in der ehemaligen Tötungsstation (..."ehemalig` nur deswegen, weil die Interessengemeinschaft Grenzenlos dort alle Hunde regelmäßig übernimmt...) warten schon etliche Hunde auf uns. Hierbei handelt es sich um Tiere, welche vom Hundefänger eingefangen bzw. welche von ihren Besitzern abgegeben wurden. Früher wurden diese Hunde nach einer gewissen Zeit ..amtlich" getötet. Heute zum Glück nicht mehr. Zumindest hier in Baja nicht mehr.

Die Transportboxen müssen vorbereitet werden, die Hunde müssen geimpft und danach in die Boxen verladen werden. Alle Hunde kommen erst einmal mit zurück in das Tierheim Szekesfehervar

Plötzlich hält ein Wagen am Tor. Der Fahrer redet mit dem Hundefänger und dieser holt einen kleinen Mischlingshund aus dem Auto, legt ihn auf den Betonboden in einen leeren Zwinger und geht. Offensichtlich kann der Hund nicht mehr aufstehen. Er winselt, ist am Hinterteil voller Blut und kratzt mit den Vorderbeinen .... ein absolut trauriger Anblick. Ich lege ihn in eine Decke und nehme ihn auf den Arm. Er ist in einem armseligen Zustand. Später erfahren wir, dass er verletzt im Straßengraben gefunden wurde und wahrscheinlich von einem Auto angefahren worden war.
Neben all den anderen Hunden nehmen wir auch ihn mit. Wir bringen "Lucky", so haben wir ihn mittlerweile genannt, in eine nahegelegene Tierklinik. Lucky ist ein wirklich bezaubernder kleiner Mann, wir haben uns auf Jack-Russel-Mix geeinigt. Wir müssen ihn erst einmal in der Klinik zurück lassen, denn es wartet noch mehr Arbeit auf uns....

Ein Mann kommt zum Tierheim. Mit seinem Fahrrad hält er am Tor an, vorne und hinten jeweils ein Rucksack. Aus den Rucksäcken gucken Hundeköpfe raus. Der Mann ist ein Obdachloser, er kann die Tiere nicht mehr ernähren und gibt sie im Tierheim ab.
In den Augen der Hunde kann man die Angst und Traurigkeit förmlich sehen. Wie sagte Andreas so treffend? ,.Das waren seine Freunde für einen Sommer.

Der Tierheimbus ist nicht mehr zu reparieren. Es gibt aber eine edle Spenderin aus Deutschland. die ein neues Fahrzeug finanziert. Wolfgang macht sich mit der Tierheimleiterin auf den Weg zu verschiedenen Gebrauchtwarenhändlern. Zurück kommen sie mit keinem neuen Auto, aber mit einem total zerzausten und verwahrlosten Hund. Bei einem Händler lief er herum. Wolfgang fragt den Händler, wem dieser Hund gehören würde? Darauf der Händler: „Der” ist ungefähr seit 3 Monaten hier. Er bekommt hin und wieder bei uns etwas zu fressen und wenn wir schließen, jagen wir ihn wieder vom Gelände herunter. Am nächsten Morgen ist er dann wieder da.... Wolfgang nimmt den Hund erst einmal zum Tierheim Szskesfehrvar mit. Mittlerweile, befindet sich der ..Gebrauchtwagenhund" in Deutschland. Er wurde von der Interessengemeinschaft Grenzenlos im Dezember mit nach Deutschland mitgenommen....

Abends alleine in meinem Zimmer, da kann ich dann endlich in Ruhe nachdenken. Es tut gut. mit Claudia zu telefonieren und zu...weinen. Tut wirklich gut nach all den Erlebnissen, ich schäme mich deswegen auch nicht.

5. Tag, Samstag: Wir reinigen und desinfizieren den ganzen Tag den Welpencontainer. Bekleidet bin ich mit Stiefeln und wasserfester Kleidung. Anfänglich versuche ich noch gewisse Kontakte zu vermeiden: meine Haut und der Hundekot....aber so nach der dritten Stunde verlierst du die Hemmungen. Lässt sich halt nicht vermeiden.

Lucky geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Er ist immer noch in der Tierklinik. Wir wissen nicht, was mit ihm ist. Die Hunde, die wir nach Deutschland mitnehmen, stehen fest - die Glücklichen. Leider müssen wir viele, viele andere zurücklassen. Mittlerweile weiß ich, dass ich viele von ihnen beim nächsten Besuch nicht mehr wiedersehen werde und dies nicht weil sie vemiittelt werden

Es ist mittlerweile 19.00 Uhr, alle Hunde. die mit nach Deutschland dürfen. sitzen in ihren Transportboxen. und wir fahren noch schnell zur Tierklinik. Ich hoffe. dass wir „Lucky” mitnehmen können. ein Pflegeplatz wäre vorhanden...
In der Klinik erfahren wir, dass er die hinteren Läufe nicht bewegen kann. Ich nehme ihn auf den Arm, er vergräbt seinen Kopf in meiner Jacke und leckt mich zärtlich am Ohr ...hat man da noch eine andere Wahl?Wir vereinbaren, dass Lucky die nächsten Wochen in der Klinik behandelt wird und bei der nächsten Fahrt mit nach Deutschland kommt.

Die Rückfahrt ist der Wahnsinn: Schnee, Schnee und nochmals Schnee, aber wir kommen gut in Deutschland an. Sonntagmorgen um 12.00 Uhr haben wir die letzten Tiere abgeliefert. Barbara und Wolfgang haben natürlich schon vorher abgeklärt, wie viele Hunde einen Platz wo und in welchem Tierheim bzw. bei welcher Pflegefamilie bekommen. Insgesamt haben wir 23 Hunde mitgebracht und die meisten wurden von dem Tierheim Bonn und dessen Eifelhof aufgenommen. Für diese große Hilfsbereitschaft und die Zusage, auch weiterhin den Ungarn-Hunden eine Zuflucht zu gewähren, sind wir unendliche dankbar!

Fazit: Diese Tage in Ungarn haben mich tief beeindruckt. Die Erlebnisse haben mir wirkliche Schmerzen zugefügt und sind in meinem Herzen fest eingebrannt worden. Ich habe hier nicht alles aufschreiben können was ich gesehen und erlebt habe, aber ich glaube es reicht, um feststellen zu können, wie notwendig und wichtig Auslandstierschutz ist. Ich möchte diese Erfahrungen niemals missen und freue mich, dass ich die „Menschen von der IG Grenzenlos” kennengelernt habe.
Ab jetzt möchte ich regelmäßig mit nach Ungarn fahren...


...Noch etwas zu meiner Peron für all` die jenigen, die vielleicht denken, dass ich ein "Weichei" sei: Ich bin bei der Kriminalpolizei "beruflich" zu Hause und bin in meinem beruflichen Lebn schon mit sehr, sehr viel Leid konfrontiert worden, und trotzdem ...

Eben gerade darum haben wir vor 1.5 Jahren eine alte, kranke Hündin aus Ungarn aufgenommen unsere „Line”. Nach meinem Ungarnaufenthalt verstehen und genießen wir ihre unendliche Liebe und Dankbarkeit, die sie uns und unseren Kindern entgegenbringt, noch mal soviel - weil wir jetzt wissen, woher sie kommt.

Achim Höpner